Badener Auspizien, das Vogelorakel

 

 

 

6 Kanarienvögel in einem hellen Raum, der Badener Voliere. Sie tschilpen und flattern von Ast zu Ast, in raschem Flug durchmessen sie den Raum und landen auf den dort montierten Zahlen, auf Tafeln mit durchlaufenden Nummern, und in wechselnder Folge picken sie mit ihren Schnäbeln darauf herum, lassen dort und da ein Häufchen fallen, beobachten die Passanten (die ihrerseits die Vögel beobachten), und es stellt sich die Frage: was hat das alles zu bedeuten? Und hat es überhaupt etwas zu bedeuten? Passiert die Aktivität der Tiere, ihre Bewegung im Raum, nach einem bestimmten, wenn auch etwas unklaren Plan, nach einem gewissen Muster? Gibt es ein System? Oder ist das alles ohne jede Bedeutung und reiner Zufall?

 

 

 

Mit diesen Fragen, mit denen nicht nur das Thema des Zufalls in der Kunst, sondern ganz grundsätzlich auch das Verhältnis zwischen Tier und Mensch angesprochen wird, reiht sich Andreas Dworak in eine kunsthistorische Tradition, die auf die klassische Moderne, in Wahrheit aber bis weit in die Antike zurückverweist. Nicht erst an Hans Arps Begeisterung für das, wie es bei ihm heißt, „rätselhafte Duett von Natur und Mensch“ darf erinnert werden, sondern auch an die Hethiter, für die der Vogelflug ein zentraler Bestandteil des religiösen Lebens war. Auf tausenden Tontafeln haben sie in Keilschrift Orakelsprüche verfasst und dafür den Flug von nicht weniger als 30 Vogelarten beschrieben. Ähnlich verhielt es sich bei den Griechen und insbesondere dann bei den Römern. Beim auspicium, der Vogelschau, wurden der Flug der Vögel beobachtet und ihre Schreie analysiert, um daraus die Zukunft zu deuten, oder genauer: um die göttliche Zustimmung oder Ablehnung zu einem bestimmten, oft auch politischen Vorhaben einzuholen. Die Vögel also waren es, die über Glück oder Unglück entschieden.

 

 

 

Freilich: nicht immer handelte es sich nur um ernste Angelegenheiten. Mit dem frühen Christentum kamen zunehmend Zweifel an der gefiederten Vorsehung auf, und in der Neuzeit erfüllte der Vogel dann auch noch ganz andere Funktionen. Auf holländischen Gemälden des 17. Jahrhunderts etwa sieht man auffallend häufig Vögel in offenen Käfigen, und meist handelt es sich dabei um einen Hinweis auf zukünftige erotische Abenteuer. Was an diesem Beispiel deutlich wird, ist die Tatsache, dass die immer wiederkehrenden Versuche, die Vögel in den Dienst der Vorzeichenkunde zu nehmen und sie als Orakel zu verwenden, bisweilen ironisch aufgeladen war. So auch im Werk von Andreas Dworak. Natürlich geht es im Badener Vogelorakel zunächst darum, auf die Glückssuche im Badener Kasino anzuspielen und gleichzeitig eine süffisante Stellungnahme abzugeben über all die Verschwörungstheorien, die aktuell florieren und uns – oft versehen mit apokalyptischen Zukunftsvisionen – auf unangenehme Zeiten vorbereiten. Doch man würde dem Werk von Dworak nicht gerecht, wollte man es nur als spöttischen Kommentar verstehen. Denn in seiner Hinwendung zu den Tieren geht es um deutlich mehr, und Dworak steht damit durchaus nicht allein. Führende Intellektuelle der Gegenwart – Giorgio Agamben, Bruno Latour, davor schon Jacques Derrida – wiesen und weisen unermüdlich darauf hin, dass der erbärmliche Zustand, in dem sich die Welt befindet, wohl nur dann verbessert werden könne, wenn man den allzu engen Blick auf den Menschen als dem angeblichen Zentrum der Welt abwendet und im Gegenzug verstärkt auch die Tiere als handelnde Akteure respektiert, und zwar insofern, als man ihre Überlebensstrategien und v.a. ihr Sozialverhalten studiert. Tiere zu beobachten ist der erste Schritt, die Zukunft zu gestalten. Andreas Dworaks Voliere lädt dazu ein.

 

 

 

Georg Vasold